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Da bin ich raus!

Kommentar zum Vortrag Björn Moschinskis

„Ich weiß nur eins“, schallt es mir entgegen, „ich trinke nie wieder Milch“. Mit Information schockieren nennt Björn Moschinski, veganer Koch und Tierrechtsaktivist, seine Verfahrensweise in dem Vortrag, den er als Kick-off-Veranstaltung der besonderen Unterrichtstage (BUT) am RSG hielt, und das ist ihm gründlich gelungen. Sonst würde nicht die komplette Riege der Redakteurinnen des BUT-Blogs ab sofort auf Milch verzichten wollen. Die Frage aber muss erlaubt sein – hat er Recht?

Ganz gewiss. Zumindest, wenn er die Abwege darstellt, die mit dem System der massenhaften Produktion von Lebensmitteln verbunden sind. Pflanzenfresser sind die besseren Umweltschützer, egal, ob man die Folgen der Fleischproduktion mit dem CO²-Ausstoß für das Klima nimmt oder das Problem des Ressourcenverbrauchs, der damit verbunden ist. Dem kann niemand widersprechen. Die Studien liegen vor zuhauf, die Zahlen sind erdrückend.

Aber wie steht's damit: „Milch ist als Kalziumlieferant ungeeignet und überdies steckt sie voller Eiter.“ Es gebe sogar extra ein Gesetz, dass „den Eitergehalt in der Milch“ regele. Eklig! Schockierend! Auf jeden Fall, Herr Moschinski. Aber auch informierend?

Im Prinzip schon, wenn man einen weiten Begriff von dem hat, was 'informieren' bedeutet. Wir leben im Zeitalter der Information. Die Herausforderung besteht darin, aus all den Informationen, die da durch die Pipeline sausen, die richtigen auszuwählen, sie nachzuvollziehen und – wenn sie widersprüchlich sind – gegeneinander abzuwägen. Im günstigen Falle kommt dann sowas heraus, was Kant mit 'sapere aude' umrissen hat. Im ungünstigen das, was Björn Moschinski mit seinen steilen Thesen aus veganen Kampagnen in seinem Vortrag an unserer Schule angerichtet hat.

Stichwort Kalzium und Milch: Gerhard Rechkemmer, Präsident des Max Rubner-Instituts (MRI), des Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, in Karlsruhe, Mitglied im Direktionsteam des International Life Science Institute und Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie Chef-Herausgeber des „European Journal of Nutrition“, der europaweit führenden wissenschaftlichen Zeitschrift für Ernährungswissenschaft, sieht das anders. In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er, dass man „insbesondere in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter ausreichend Kalzium zu sich nehmen [sollte]. Zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr besteht die höchste Knochendichte. Es ist wichtig, dass die Knochen zu diesem Zeitpunkt gut mineralisiert sind, denn danach beginnt der Abbau. Je stärker der Knochen ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es im späteren Leben zur Osteoporose kommt. Milch ist in unseren Breiten ein wichtiger Kalziumlieferant.“ Und zu dem moschinskischen pseudowissenschaftlichen Geraune um den Säure-Base-Haushalt, der dies verunmögliche, heißt es bei Rechkemmer: „Milch und Milchprodukte sorgen weder dafür, dass Säure gebildet wird, noch können Lebensmittel den pH-Wert im Körper überhaupt beeinflussen. Auch wenn man im Urin unterschiedliche Säuregehalte messen kann - im Körper wird der pH-Wert konstant gehalten. Die Säureausscheidung hat außerdem kaum Einfluss auf den Kalziumstoffwechsel. Milch ist weiterhin ein gutes Lebensmittel, um Kalzium aufzunehmen und die Knochen zu stärken.

Bliebe noch die Sache mit dem Eiter. Das Gesetz, das Moschinski meint, heißt „Milchgüteverordnung“. Und darin wird mitnichten der Gehalt des Eiters geregelt, wie der vegane Missionar reißerisch unter die Schüler der achten Klasse wirft, sondern der allgemeine Zellgehalt von Milch. Das ist nicht dasselbe. Wer will, kann den Unterschied herausfinden. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Missionare das Gute wollen, ohne sich über ihre Methoden Rechenschaft abzulegen. Die Aufklärung hat es zu allen Zeiten nicht leicht gehabt. Mir ist sie trotzdem lieber als der blinde Eifer des Missionars.

Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass die westliche Lebensweise, übertrüge man sie auf die ganze Welt, die Ressourcen der Erde erschöpft und das Klimaproblem massiv verschärft. Und dass der Staat Tiere in Artikel 20a unseres Grundgesetzes „schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen“, bleibt viel zu oft nur ein Lippenbekenntnis. Da bin ich dabei.

Björn Moschinski lässt im Nachgespräch zu seinem Vortrag keinerlei Einwände gelten. Den Verweis z.B. auf die kulturelle Errungenschaft von rund 4000 verschiedenen Käsesorten, schließlich gehen die ältesten Zeugnisse der Milchnutzung 7000 Jahre zurück, lässt er nicht gelten. Von kultureller Verfeinerung „auf Kosten von Säugetieren, deren Babynahrung wir zu uns nehmen“, will er nichts wissen: „Da bin ich raus.“ Na dann. Aber die plumpe Alternative „wen streicheln? wen essen?“ wird der Komplexität unserer zivilisatorisch-kulturellen Evolution bei Weitem nicht gerecht, Herr Moschinski. Da bin ich dann raus.

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